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Warum wir Castortransporte blockieren

Weshalb viele Menschen die Atomenergie ablehnen, lässt sich noch relativ leicht erklären - das liegt in der Natur der Sache; Gründe, sich für die sofortigen Stillegung aller Atomanlagen einzusetzen, gibt es einfach viel zu viele, um sie alle an dieser Stelle noch einmal zu benennen. Doch was für einen Sinn macht es dabei derzeit eigentlich, Atommülltransporte nach Gorleben zu blockieren?

In der breiten Öffentlichkeit war nach dem sogenannten Atomkonsens der Eindruck entstanden, als wären die Probleme rund um die Atomkraft gelöst. Dass es den behaupteten Ausstieg nicht gibt und dass die Menge strahlenden Mülls weiter wächst, ohne dass es Konzepte für eine sichere Lagerung gibt, all dies ist aus dem Blickfeld der Gesellschaft gerutscht.

Mit den alljährlichen Aktionen rund um Gorleben legen wir den Finger genau in die offene Wunde des weiter völlig ungelösten Atommüllproblems. Wir nutzen die Chance der öffentlichen Aufmerksamkeit, die es eben vor allem bei den Castortransporten gibt und die wir mit unseren Aktionen letztendlich auch immer wieder neu bewirken. So besteht die Möglichkeit, das gesellschaftliche Problembewusstsein neu zu schärfen. Wer weiß schon, dass sich mit den im Atomkonsens festgelegten "Reststrommengen" die bisher entstandene Atommüllmenge in den nächsten Jahrzehnten verdreifachen wird?

Es geht letztlich darum, die öffentliche Debatte um Atomenergie, die inzwischen hauptsächlich zwischen den beiden Szenarien rot-grüner Status quo oder schwarz-gelbe Renaissance geführt wird, wieder um die notwendige Variante der sofortigen Stillegung zu erweitern.
Vielen Menschen ist es auch weiterhin wichtig, Sand im Getriebe der scheinbar übermächtigen Atomlobby zu sein. Dies geht natürlich bei Castor-Transporten besser als an AKW-Zäunen. Das persönliche Eingreifen, die direkte Aktion, der Zivile Ungehorsam angesichts von kaum fassbaren Risiken, kann dazu beitragen, die eigene Handlungsfähigkeit zu erhalten, nicht zu resignieren und den Kampf für eine lebenswerte Zukunft fortzusetzen.
Wir wollen deutlich machen: Gorleben ist als Endlager politisch nicht durchsetzbar. Ein solch gemeingefährliches Projekt wie der Ausbau und Betrieb eines Endlagers im porösen Salzstock unter der Elbe ist gegen den Willen der breiten Mehrheit im Wendland nicht zu machen. Das zeigt die mittlerweile mehr als ein Vierteljahrhundert andauernde Geschichte des Widerstandes dort, der schon die dritte Generation erreicht hat. Und die Menschen stehen nicht alleine - aus dem ganzen Bundesgebiet und darüber hinaus machen sich bei jedem Castor-Transport viele AtomkraftgegnerInnen nach Lüchow-Dannenberg auf. Eine Möglichkeit, dort aktiv zu werden, ist die große gewaltfreie Sitzblockade von X-tausendmal quer.
Blockaden sind kein Ersatz für klassische Infoarbeit und eine ohnehin unerlässliche politische Bildungsarbeit. Doch wenn wir uns gemeinsam mit vielen Menschen aller Altersstufen und der verschiedensten sozialen Herkunft auf die Gleise oder die Straße setzen, dann nicht etwa, um als bloße Störenfriede mit fundamentaler Opposition in Erscheinung zu treten, sondern weil wir erkannt haben, dass es ein geeignetes Mittel ist, um dieses wichtige Thema einer breiten Öffentlichkeit nahezubringen. Unser Anliegen genießt nun einmal nicht den Rückhalt einer breiten und mächtigen Lobby wie so manch andere politische Themenfelder, die mit der Aussicht auf einen großen finanziellen Gewinn verbunden sind. Wenn niemand sonst es tut, weil über die Gefahren der Atomkraft nicht ausreichend informiert wird und weil vielen das ganze Ausmaß nicht bewusst ist, dann müssen WIR die Notbremse ziehen. Dieses "WIR" beinhaltet natürlich auch DICH.
Außerdem: Wir haben es bei der Atomkraft mit einer tickenden Zeitbombe, einer allgegenwärtigen Gefahr zu tun, die jedoch nicht sinnlich erfahrbar ist und gerade deshalb von vielen in Regierung und Parlament leicht ignoriert werden kann. Blockaden stellen einen sinnlichen Bezug zu diesen Verdrängungs-Mechanismen auf Umwegen wieder her: Die Polizeigewalt, mit der wir konfrontiert sind, das Aushebeln demokratischer Grundrechte wie etwa durch Versammlungsverbote sind Indizien dafür, dass wir es beim Gorleben-Castor mit einem geradezu idealtypischen Fall zu tun haben, wie mit politischen Konflikten in unserer Gesellschaft umgegangen wird. Und sofort wird deutlich: Wir müssen etwas tun. Eine Blockade gegen Castor-Transporte lässt die verschiedensten Konflikte sichtbar werden, die in die Atom-Problematik hineinspielen, und bündelt sie zu einem starken Bild.
Wer morgen in einer atomkraftfreien Gesellschaft leben will, muss heute Druck auf Politik und Wirtschaft ausüben. Nur konstanter Protest, der sich über tagesaktuelle Schwankungen und Trends erhaben weiß, wird mit einer veränderten Politik quittiert! Setzt der Protest aus, so wird dies als Anzeichen für Zustimmung gedeutet.

Darum sind Blockaden immer noch so wichtig..

(Dieser Text stammt aus einem Rundbrief von X-tausendmal quer. Der Rundbrief heißt jetzt ".ausgestrahlt" und kann bei info@x1000malquer.de bestellt werden.)